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Dienstag, 14. Juni 2011

Aus Goethes Arbeitsalltag (Brief an Schiller vom 14. 6. 1796)

168. An Schiller
Weimar, 14. Juni 1796

Hier kommt, mein Bester! eine ziemliche Sendung. Das Stück Cellini ist um fünf geschriebene Bogen kürzer geworden, die ich überhaupt auslassen will; sie enthalten die weitere Reise nach Frankreich, und, weil er dießmal keine Arbeit findet, seine Rückkehr nach Rom. Ich werde davon nur einen kleinen Auszug geben, und so kann das nächste Stück seine Gefangenschaft in der Engelsburg enthalten, deren umständliche Erzählung ich auch abkürzen und etwa wieder vierzehn bis fünfzehn geschriebene Bogen liefern will.

Zugleich kommt auch die Idylle und die Parodie, nicht weniger die Schriftprobe zurück. Das Gedicht ist gar schön gerathen, die Gegenwart und die Allegorie, die Einbildungskraft und die Empfindung, das Bedeutende und die Deutung schlingen sich gar schön in einander; ich wünschte es bald zu besitzen.

Die große Schrift gefällt mir ganz wohl. Wenn Sie einen Corrector finden, der vor dem Abdruck nicht allein die falschen, sondern auch die schlechten, ausgedruckten, ungleichen Buchstaben ausmerzt, und man sich beim Druck mit der Schwärze und sonst alle Mühe gibt, so wird kein großer Unterschied gegen den vorigen Almanach bemerklich werden. Es wäre recht gut wenn Sie sich auch wegen des Papiers und sonst bald entschieden und sodann anfangen ließen zu drucken. Ich will meine kleinen Beiträge auf’s möglichste beschleunigen. Das Gedicht des Cellini auf seine Gefangenschaft werden Sie und Herr Schlegel beurtheilen, ob es der Mühe einer Übersetzung werth ist. Das Sonett habe ich schon neulich geschickt; Sie werden es allenfalls an dem bezeichneten Orte einrücken, so wie ich bitte die beikommende Sendung Cellini mit der Feder in der Hand zu lesen; ich habe es nur ein einzigmal durchgehen können.

Die Kupfer will ich sogleich besorgen. Wenn ich erst weiß wer sie macht und was sie kosten sollen, schreibe ich das weitere.

Das siebente Buch des Romans geh’ ich nochmals durch und hoffe es Donnerstag abzuschicken. Es fehlt nur ein äußeres Compelle, so ist das achte Buch fertig und dann können wir uns doch auf manche Weise extendiren. Ich habe einen Brief von Meyer der die gegenwärtige Angst und Confusion in Rom nicht genug beschreiben kann; er selbst wird nun wohl nach Neapel seyn.

Körnern danken Sie recht sehr für die Bemühungen wegen der Victorie. Das Kunstwerk wird mir immer werther; es ist wirklich unschätzbar.

Herders zwei neue Bände habe ich auch mit großem Antheil gelesen. Der siebente besonders scheint mir vortrefflich gesehen, gedacht und geschrieben; der achte soviel treffliches er enthält, macht einem nicht wohl und es ist dem Verfasser auch nicht wohl gewesen, da er ihn schrieb. Eine gewisse Zurückhaltung, eine gewisse Vorsicht, ein Drehen und Wenden, ein Ignoriren, ein kärgliches Vertheilen von Lob und Tadel macht besonders das was er von deutscher Literatur sagt äußerst mager. Es kann auch an meiner augenblicklichen Stimmung liegen, mir kommt aber immer vor, wenn man von Schriften, wie von Handlungen, nicht mit einer liebevollen Theilnahme, nicht mit einem gewissen parteiischen Enthusiasmus spricht, so bleibt so wenig daran, daß es der Rede gar nicht werth ist. Lust, Freude, Theilnahme an den Dingen ist das einzige Reelle, und was wieder Realität hervorbringt; alles andere ist eitel und vereitelt nur.

Quelle: http://www.briefwechsel-schiller-goethe.de/

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