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Freitag, 24. April 2009

Stil ist wie ein Fingerabdruck


Jeder Stil ist einzigartig, nicht nur in der Art des Ausdrucks, sondern auch in der Wortwahl.


Viele Schriftsteller haben ihre Lieblingswörter. KLEIST mag dergestalt und das Wörtchen dass, wie man an diesem berühmten Satz sieht:
Der Graf setzte sich, indem er die Hand der Dame fahren ließ, nieder, und sagte, daß er, durch die Umstände gezwungen, sich sehr kurz fassen müsse; daß er, tödlich durch die Brust geschossen, nach P... gebracht worden wäre; daß er mehrere Monate daselbst an seinem Leben verzweifelt hätte; daß während dessen die Frau Marquise sein einziger Gedanke gewesen wäre; daß er die Lust und den Schmerz nicht beschreiben könnte, die sich in dieser Vorstellung umarmt hätten; daß er endlich, nach seiner Wiederherstellung, wieder zur Armee gegangen wäre; daß er daselbst die lebhafteste Unruhe empfunden hätte; daß er mehrere Male die Feder ergriffen, um in einem Briefe, an den Herrn Obristen und die Frau Marquise, seinem Herzen Luft zu machen; daß er plötzlich mit Depeschen nach Neapel geschickt worden wäre; daß er nicht wisse, ob er nicht von dort weiter nach Konstantinopel werde abgeordert werden; daß er vielleicht gar nach St. Petersburg werde gehen müssen; daß ihm inzwischen unmöglich wäre, länger zu leben, ohne über eine notwendige Forderung seiner Seele ins Reine zu sein; daß er dem Drang bei seiner Durchreise durch M..., einige Schritte zu diesem Zweck zu tun, nicht habe widerstehen können; kurz, daß er den Wunsch hege, mit der Hand der Frau Marquise beglückt zu werden, und daß er auf das ehrfurchtsvollste, inständigste und dringendste bitte, sich ihm hierüber gütig zu erklären. – (Die Marquise von O... (Nach einer wahren Begebenheit, deren Schauplatz vom Norden nach dem Süden verlegt worden)
Dieser Satz ist erst einmal schwer zu verdauen, aber wenn man die Melodie des Textes (und auch die anderer langer Sätze Kleists) eingefangen hat, erkennt man, dass er das Stilmittel der Wiederholung von Wörtern (nicht zu verwechseln mit Redundanz), in diesem Fall die Anapher – Sätze, die mit demselben Wort beginnen – meisterlich beherrscht. Allerdings kann sich die Wiederholung des Wörtchens dass eben nur ein Meister des Schreibhandwerks leisten. Zur Nachahmung ist das jedenfalls nicht empfohlen.

GRILLPARZER liebt flammen und Gebein. EICHENDORFF lässt es gern rauschen (und das sicher nicht nur des schönen Reimes wegen mit dem Wort lauschen): die Erde mit allen Bäumen, die Bäume selbst, die Wipfel, den Wald, die Quelle, den Bach, Fluss und Strom, es rauscht im Hain, in den Bäumen. NOVALIS mag den Traum und die Wollust.

Manchmal häufen sich solche Lieblingswörter. Eine Zeitlang sah alles malvenfarben aus, ohne dass man genau wusste, wie diese Farbe aussieht. Zur Zeit ist vor allem bei Elizabeth GEORGE dauernd jemand verdrossen, und alles wird genossen, die leckere Speise ebenso wie Filme oder Bücher.

Lange wurde gerätselt, ob PROKOP das Pamphlet der Geheimgeschichte des Kaiserhofs von Byzanz gegen Kaiser JUSTINIAN I. und Kaiserin THEODORA wirklich selbst geschrieben hatte, berichtete er von den beiden als Hofgeschichtsschreiber sonst nur Gutes. Als ein Forscher den Stil des Werkes analysierte, stellte er fest, dass Prokop tatsächlich nicht nur Erfreuliches über das kaiserliche Paar geschrieben hatte.

HERDER reagierte dermaßen empfindlich auf Kritik, dass sie ihm häufig das Schreiben verleidete und er deshalb anfangs seine Schriften anonym veröffentlichte (noch im Jahr 1795 schrieb er Friedrich SCHILLER: »Ich bin kein Dichter.«) Er verleugnete sogar (und das als Prediger), dass er die Kritischen Wälder Oder Betrachtungen, die Wissenschaft und des Schönen betreffend, nach Maasgabe neuerer Schriften geschrieben hat. Aber das nutzte ihm nichts. Jeder erkannte Herder an dessen Stil, dessen schwunghafter Art zu schreiben Mit der Zeit wurde er jedoch selbstbewusster und bekannte sich als Autor.

Auch wenn Sie Texte verschiedener Genre, ob Kurzgeschichte, Fantasy, Krimi, unter Pseudonym schreiben, wird jeder, der Sie kennt, wissen, dass nur Sie sie geschrieben haben können. Das mag Sie ärgern, ist es Ihnen doch gar nicht recht, dass Sie so schnell zu erkennen sind. Doch herzlichen Glückwunsch – Sie haben Ihren unverwechselbaren Stil gefunden.

Seien Sie stolz darauf, dass Ihnen das gelungen ist; wieviele Autoren suchen ihr Leben lang vergebens danach! Lassen Sie sich nicht einreden, dass es auf die Dauer langweilig ist, wenn man Ihre Handschrift schon an den ersten Absätzen erkennt. Wir mögen FRISCH wegen seines einfachen Stils und wären enttäuscht, wenn er in einem anderen Roman so ins Detail ginge wie Thomas MANN.

Kommentare:

  1. Einerseits ist das natürlich alles richtig - das mit den Lieblingswörtern und mit der Erkennbarkeit des werten Autors und so, nur wäre es grundfalsch, sich diese Erkennbarkeit aus stilistischen Gründen selbst zu 'basteln', indem man sich hochstaplerisch schriftstellerische 'Macken' zulegt, um Individualität vorzutäuschen. Dann ist Manierismus die Folge - und die Unsterblichkeit entschwebt ins Ungefähre - un dkommt auch nicht zurück. Guter Stil ist es, mit gewöhnlichen Worten ungewöhnliche Dinge zu sagen, von den 'Macken' bleiben von ganz allein immer genug übrig ...

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  2. Dazu hatte ich hier schon etwas geschrieben (http://tinyurl.com/chog4a):

    Denken Sie aber daran: Stil ist nur ein Mittel, Sie dürfen vor lauter Nachdenken über das Wie nicht das Erzählen vergessen. Meißeln und feilen und glätten Sie an Ihrem Werk nicht so lange, bis nichts Eigenes übrig bleibt. Der Stil darf nicht zum Selbstzweck verkommen, indem Sie sich nicht trauen, einen schlichten Satz zu schreiben, der nur das sagt, was er sagen soll.

    Außerdem habe ich einen passenden Beitrag zum Kommentar gerade eingestellt

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