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Mittwoch, 12. November 2008

… und was ist guter Stil?



Das Wichtigste für den guten Stil ist, dass der Mensch etwas zu sagen habe, o damit kommt man weit!
(Schopenhauer)

Der Anfänger beginnt am besten damit, daß er sich entschlossen von allem abwendet, wovon die Leute meinen, es kennzeichne den Stil: von allen Manierismen, Ausschmückungen und Tricks. Stil entsteht durch Klarheit, Einfachheit, Aufrichtigkeit und Ordnung ... Reich geschmückte Prosa ist schwer zu verdauen, meist unbekömmlich und manchmal zum Erbrechen. »Aber«, könnte der Studierende fragen, »was, wenn das Experiment meine natürliche Ausdrucksweise ist, wenn ich ein Pionier bin oder gar ein Genie?« Antwort: Dann sei eins. Vergiß aber nicht: Was wie eine Pioniertat aussieht, ist vielleicht eine Ausflucht, oder Faulheit, oder die Abneigung, sich einer Disziplin zu unterwerfen. Gutes, richtiges Englisch zu schreiben ist durchaus nicht selbstverständlich, und bevor du so weit bist, wirst du durch genügend rauhes Land gereist sein, um deinen Abenteuerdurst zu stillen.« (E. B. White in An Approach to Style)
Sie könnten auch fragen: Muss sich der Autor, der einen einfachen, klaren Stil schreibt, nicht vorwerfen lassen, dass er anspruchslos, also nicht künstlerisch, also nicht literarisch, schreibt und damit langweilig und phantasielos wirkt? Antwort: Guter Stil zeigt sich gerade in der Schlichtheit, denn unklare Texte sind schwer verständlich. Bei einem klaren Stil vergisst der Leser den Autor, taucht ein in die Geschichte und denkt über die Handlung und die Charaktere nach und nicht darüber, wie schwer es war, den Text zu schreiben. Der Leser darf einem Text gar nicht anmerken, welche Mühe das Schreiben bedeutet hat, so frustrierend das für den Schriftsteller sein mag. Er muss dessen Harmonie als solche empfinden, ebenso wie er die Neunte Symphonie, den David oder die Mona Lisa bewundert, ohne sich Gedanken machen zu müssen, warum sie vollendet sind. Nur ein Student der Schreibkunst oder der bildenden Künste muss sich fragen, was das Besondere an diesen Werken ist, und nur ein Fachmann darf die Werke analysieren.

Doch sobald sie das tun, ist der Zauber dahin. – Verwechseln Sie aber nicht klar und knapp mit anspruchslos und trivial. Denn der Schriftsteller schreibt durchaus nicht nur einfach das, was er denkt; sondern wählt sorgfältig jedes Wort – er benebelt seinen Leser nicht durch eine hochgestochene, schwülstige Wortwahl – und überlegt sich jeden Satz: Er gestaltet seinen Text.

Und Sie könnten fragen: Verarmt dadurch nicht die Sprache? Gegenfrage: Warum sollte sie? Jean Cocteau versteht unter Stil »die Fähigkeit, komplizierte Dinge einfach auszudrücken, nicht umgekehrt«. Schopenhauer verlangt, dass man gewöhnliche Worte brauchen und ungewöhnliche Dinge sagen solle, und Karl Popper schreibt: »Der Stil der großen, dunklen, eindrucksvollen und unverständlichen Worte sollte nicht länger bewundert, ja er sollte von den Intellektuellen nicht einmal länger geduldet werden. Er ist intellektuell unverantwortlich. Er zerstört den gesunden Menschenverstand.«

Für Northrop Freye dürfen Wörter nie »gefroren« sein. Jedes Wort könne ein »Sturmzentrum von Bedeutungen, Klängen und Assoziationen« werden. »Welche Marter sind deutsch geschriebene Bücher, für den, der das dritte Ohr hat«, seufzt Nietzsche und fordert die »Kunst des Stils« und womöglich »des großen Rhythmus«.

Doch wie schwer ist es, klar zu schreiben! Auch wenn es kein Leser glauben mag: Je klarer der Text wirkt, umso mühevoller ist er geschrieben worden. Viele Überarbeitungen sind nötig: Für Fremdwörter werden deutsche Wörter, für substantivische Verbindungen Verben gesucht, Schachtelsätze werden aufgelöst, geliebte Füllwörter und Adjektive gestrichen, und immer und immer wieder wird am sprachlichen Ausdruck gefeilt. Schreiben Sie leserfreundlich und leicht verständlich, so, als ob Sie zu Ihrem besten Freund sprächen. Denken Sie an Goethe, der zu einer Freundin sagte: »Wenn ich im Zimmer auf- und abgehe, mich mit entfernten Freunden laut unterhalten kann und eine vertraute Feder meine Worte auffängt, so kann etwas in die Ferne gelangen.«

Das Entscheidende an einem Text sind nicht die Figuren, die Handlung oder das Thema, sondern der Stil. Figuren und Handlung kann sich jeder ausdenken, auch das Thema ist oft alltäglich; was einen Text einzigartig macht, ist die Art, wie der Schreiber das umsetzt.

Zu einem guten Stil gehört auch das Gefühl dafür, ob ein Text gut oder schlecht ist. Ob er gut oder schlecht ist, zeigt sich in der Harmonie des Geschriebenen, in dessen Darstellung, in der Erzählweise und im Temperament des Autors. – »Ein Kunstwerk ist ein Stück Schöpfung, wie es mit den Augen eines Temperaments gesehen wurde«, sagt Zola, und für Flaubert liegt das »Geheimnis des Meisterwerks ... in dieser Übereinstimmung des Themas mit dem Temperament des Verfassers«. – Und das zeigt sich im Vermeiden von Stilsünden wie eben Schachtelsätze und Klischees.

Guter Stil zeigt sich vor allem aber im sinnlichen Schreiben: Schreiben Sie konkret und nicht abstrakt, benutzen Sie das Aktiv statt des Passiv (ich friere und nicht mich friert es), handelnde statt beschreibender Verben (Daniel klappert mit den Zähnen und nicht Daniel friert), schreiben Sie bildhafte Wörter statt Bürokratendeutsch und die Einzahl statt der Mehrzahl (der Mensch – nicht die Menschen): Guten Stil erreichen Sie durch eine lebendige und farbige Sprache.

Schreiben Sie unerwartete Wörter oder Sätze, die highlights, die »Sahnehäubchen« wie »Das Leben gefiel mir. Der Höhepunkt der Woche war die Ziehung der Lottozahlen«. Daran wird sich der Leser erinnern, wenn er Handlung und Figuren längst vergessen hat. Highlights können auch ausgefallene Dinge sein wie der depressive Roboter in Adams Per Anhalter durch die Galaxis und Hal in 2001Odyssee im Weltraum.

Guter Stil bedeutet, dass Sie das, was Sie erzählen möchten, so ausdrücken, dass Ihr Leser es miterleben kann, ohne dass er sich fragen muss: Was meint der Schreiber eigentlich?

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