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Samstag, 20. Oktober 2007

Die Angst vor dem weißen Blatt Papier I.

An manchen Tagen sind die Worte weg. Ich sage: Kommt her. Und sie kommen nicht. (Güney DAL)

»Alles fließt«, sagt HERAKLIT. Nur die Sprache fließt bisweilen nicht. Stellen Sie sich vor, Sie kehrten von einer Reise ins Amazonasbecken heim und trügen Bilder von Wasserfällen und Pfeilgiftfröschen im Herzen, Geschichten über kauzige Reisegefährten und Fast-Flugzeugabstürze im Kopf. Sie begrüßen den Computer, schalten ihn ein, legen die Finger auf die Tasten und – nichts. Sie schalten ihn aus und denken: Okay, ist halt der Jetlag. Am nächsten Morgen schalten Sie den Rechner wieder ein und den Schalter im Gehirn dazu und … Oder Sie legen sich Papier zurecht, zücken den Stift, starren auf das leere Blatt, und es starrt zurück.

Geraten Sie nicht in Panik, wenn das Schicksal Sie ereilt und Ihnen nichts einfällt, die Tastatur Sie anwidert, Sie Angst haben vor dem »erschreckenden weißen Papier« (GRASS), der »Angst vor dem Nichts« (CUSANUS). Tigern Sie nicht durch die Wohnung und hauen Sie Ihren Kopf nicht gegen die Wand. Bekämpfen Sie die Angst auch nicht mit Cuba libre oder anderen Drogen (auch nicht mit Schokolade, die zusätzlichen Pfunde frustrieren Sie noch mehr) – nein, trösten Sie sich: Sie sind in guter Gesellschaft; jeder Schriftsteller kennt diesen »Ort der Verdammnis«.

Gertrude STEIN geriet im Alter von fast sechzig Jahren nach der Veröffentlichung der Autobiographie von Alice B. Tokla (in der sie ihre Lebensgeschichte aus der Sicht ihrer Lebensgefährtin erzählt – auch eine Möglichkeit, autobiografisch zu schreiben), in eine Schreibkrise, obwohl sie damit den schriftstellerischen Durchbruch schaffte. Nachdem sie jahrelang für den Druck ihrer Bücher bezahlt hatte (sic!), wusste sie nicht, ob sie wirklich für die Öffentlichkeit, für Geld, schreiben wollte.

HOFMANNSTHAL beklagt im Chandos-Brief, dass ihm die »geistige Fähigkeit abhanden gekommen« sei, »über irgend etwas zusammenhängend zu denken oder zu sprechen«. Er litt darunter, dass ihm nicht gelang das auszudrücken, was er sagen wollte. Im Schwierigen verarbeitete er seine Krise, indem er seinen Protagonisten Hans-Karl Bühl versuchen ließ, das Problem mit der Sprache zu überwinden.

Auch Robert WALSER ereilte Mitte der zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts eine Schreibkrise, weil zwei Romane und einige Zeitungsartikel abgelehnt worden waren. Um sich zu disziplinieren, »bleistiftelte« er, wie er es nannte, mit etwa drei Millimeter hohen Sütterlinbuchstaben auf jedes Art von Papier – auf Briefe, Kalenderblätter, Honorarabrechnungen, Visitenkarten. In jede noch so winzige Lücke zwängte er Gedichte, selbst die leeren Flächen in Poststempeln beschrieb er, etwa mit der Frage »Hesch jetz gli einisch gnue dichtelet?«. 1933 maßen die Buchstaben kaum noch einen Millimeter (entziffert wurden diese Texte mit einem Fadenzähler aus der Textilindustrie, der fünf- bis sechsfache Vergrößerungen ermöglicht). Er notierte auch Gedanken zum Schreibenmüssen, zum ersehnten Verstummen, was er einige Jahre später auch für immer tat: »Man glaubt nicht, was mir diese Verse hier für Mühe machen« oder »Ich Armer muss hier ein Gedicht verfassen« und:

An vorliegende Zeilen hinzutreten kostete mich Überwindung, gewissermaßen nötigte ich mich dazu, habe mir jedenfalls untersagt, mich dem Glauben hinzugeben, ich möge nicht recht, es sei mir zuwider, ich hätte keine Lust. Wie gern, wie leicht spräche man zu sich: »Ich habe es nachgerade satt«, aber ich bin überzeugt, daß niemand, der sich als Mitglied der Gesellschaft fühlt, ... sich für berechtigt halten kann, leichthin zu Müdigkeiten zu neigen.

»Ich verdanke dem Bleistiftsystem ... wahre Qualen«, schreibt er 1927 an Max RYCHNER, »aber diese Qual lehrte mich Geduld, derart, daß ich im Geduldhaben ein Künstler geworden bin«. Mit dem Bleistiftsystem wollte er sich aus einem »Schreibfederüberdruss« befreien, denn er vermutete, dass »stockende Tinte« Schuld an der Schreibkrise gewesen war: »Für mich ließ es sich mit Hilfe des Bleistifts wieder besser spielen, dichten.« Er glaubte sogar, dass diese Methode sich zu einem »eigentümlichen Glück auswachse«. Mit dem extrem langsamen und hoch konzentrierten Schreiben überwand er tatsächlich die Krise. Kein Leser merkt seinen Texten an, welche Qualen ihm das Schreiben bereitete.

Die Schreibkrise ist keine Krankheit, auch wenn sie schmerzt und ängstigt, sie zeigt nur, dass etwas nicht stimmt. Verdrängen Sie sie nicht, indem Sie den Rasen mähen, das Arbeitszimmer aufräumen, Rechnungen bezahlen oder für vier Wochen auf Vorrat kochen. Derartige Vermeidungsstrategien bringen nichts. Halten Sie sich auch nicht wieder einmal an Scarlett O’HarasWorte: »Schließlich, morgen ist auch ein Tag« (oder an mañana – zu gut berlinerisch: Kommste heute nicht, kommste morgen). Da hilft nur – schreiben.

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