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Mittwoch, 2. Mai 2007

Über Augen … (Phrasen II)

Was heißt eigentlich »kalte Augen«? Gib das einmal genau wieder. – Nichts ist schon von vornherein lebendig, verfügbar zur Beschreibung: nicht das Vogelgeräusch draußen, nicht das Raunen des Verkehrs, nicht das Klopfen des Zugs über die Schwellen. Erfinde einen Satz dafür, Sätze, wo das alles erst auflebt; d. h., verlaß dich auf keine Kraft eines Wortes für sich allein: Nichts ist poetisch verfügbar - du mußt es erst wiedererwecken durch Denken als Platzanweisung; Platzanweiserschriftsteller. (HANDKE)

Aus dem braun gebrannten männlichen Antlitz lachen blaue Augen – viel zu oft werden die blauen Augen besungen (und was ist ein männliches Antlitz und warum lachen oder blitzen Augen so oft in Texten?)! Suchen Sie nach unverbrauchten Ausdrücken wie Augen so blau wie Fjorde in Norwegen oder Augen so blau wie eine Gasflamme. Versinken Sie nicht auch lieber in Augen wie flüssige Schokolade oder »Augen so braun wie gebürstetes Fell auf goldenem Grund« (UPDIKE) statt in den ebenso oft besungenen braunen Augen? Und vergessen Sie die strahlenden Augen (das strahlende Lächeln, die strahlendweißen Wolken)! Nur Sonnen und radioaktive Elemente strahlen. Das Wort strahlen hat eine derart negative Bedeutung bekommen, dass ich Sie inständig bitte: Vergessen Sie es! Suchen Sie für Manuel strahlte Sandra an (was angenehm für die Protagonistin ist, literarisch jedoch wertlos) Wörter, die noch niemand gesagt hat. Warum staunen Kinder und naive jungen Frauen immer mit großen Augen, und warum schauen intelligente Menschen mit offenen Augen in die Welt? Die großen Kinderaugen aus welchem Grund auch immer sind dermaßen klischeehaft, dass sie kaum noch zu überbieten sind. (Ein Tipp: Falls Ihnen partout kein besserer Ausdruck für eine Phrase einfällt, dann betonen Sie das wie Yoyce Carol OATES in Bellefleur: »Irma Steadman, ihre Freundin, in dem langen Hochzeitsgewand mit den Falbeln aus spanischer Spitze und dem Schleier …, ihr liebes Gesicht leuchtend (ein andere Wort gab es nicht dafür) …«

In der seriösen Tageszeitung (und nicht in der Regenbogenpresse), aus der ich öfter zitiere, musste ich in einem Beitrag über Krebs unter der Rubrik Forschung(!) lesen: »Mit seinen tiefbraunen Augen mustert der Arzt ein Röntgenbild. Dann legt der charmant wirkende Mann mit den kurzen Haaren das Bild zur Seite.« Wie schön. (Abgesehen von der kitschigen und in dem Zusammenhang überflüssigen Beschreibung des Herrn Doktors: Soviel ich weiß, kann man noch nicht mit fremden Augen sehen.) In einem anderen Artikel hat ein Unternehmer »kleine lustige Augen« (diese Journalistin mag offensichtlich die »kleinen Augen« – liest man solche Ausdrücke, weiß man wenigstens sofort, wer das geschrieben hat), und »die Krawatte hüpft auf dem Bauch«, als er lacht. Eine Lehrerin »trägt eine modische, dreiviertellange Hose, ein rotes T-Shirt, hat wache, sehr bewegliche Augen.« (Sie sollen wohl einen Gegensatz zu den starren Augen darstellen, mit denen Bösewichter beschrieben werden. Doch was heißt »sehr beweglich«, kullern sie, hüpfen sie? Und warum sehr – siehe meinen Exkurs über »Sehr« auf http://tinyurl.com/nfug7?) Noch klischeehafter kann man diese armen Menschen nicht beschreiben. Ich fand auch den Satz »Er hatte blaue Augen und war arglos« – wie schön, nur: was haben die blauen Augen mit arglos zu tun*? Natürlich dürfen auch die »braunen Augen mit den kleinen Fältchen« nicht fehlen.

*Das ist wie: Hans war Polizist und von kleinem Wuchs; Franz hat im Lotto gewonnen und Hunger; Ute hat schlechte Laune und ein Minus auf dem Konto. Oft werden Hilfsverben überfrachtet. Desshalb sollte man sie immer durch ausdrucksstarke Wörter ersetzen.

Das Problem liegt hier im Hilfszeitwort "sein", das überfrachtet wird ("Er ist Lehrer und von hoher Statur").

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