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Sonntag, 15. Juli 2012

Wieso kommt es … (Karl Kraus über eine falsche Wendung)

daß die wenigsten Leute wissen, daß diese Wendung falsch ist? Weil sie sie nicht hören und vor allem nicht sehen können. Sie fragen dann vielleicht, »wieso es möglich ist«, eine Wendung zu sehen. Nichts ist unmöglicher als diese und nichts, als eine zu sehen, wenn es einem nicht gegeben ist. Wie es möglich ist, hier Klarheit zu schaffen, und wie es kommt, daß man sie dann hat, kann aber selbst der sehen, dem es sonst nicht gegeben ist. Der Vorgang des Kommens ist im »Wieso« bereits enthalten, und die Wendung ist ein inveterierter Pleonasmus wie ein alter Greis. Ich kann einer Erzählung mit »Wieso?« oder mit »Wie kommt es?« begegnen. Dieses »kommt« ist nur ein »wird«. »Wieso wird es« würde aber nicht bedeuten: auf welche Art wird es, entwickelt es sich so, geschieht es, sondern: durch welches Geheimnis der Schöpfung, aus welchem Ursprung wird es, entsteht es. Nur ein »kommen« im Sinne der Bewegung, des Entstehens ist mit »Wieso« zu verbinden. Wieso kommt einem ein Gedanke, ein Gefühl. »Wieso kommst du jetzt (da du nicht kommen solltest)?« Jedoch: »Wie ist es möglich, daß du jetzt kommst? Wie kannst du jetzt kommen?« »Ich kann es.« »Wieso (kannst du)?« »Es ist möglich.« »Wieso (ist es möglich)?« (Da es doch unmöglich scheint.) Wieso kommst du = Wie kommt es, daß du kommst. Wie es aber kommt, daß die wenigsten Leute wissen, wie man zu sprechen hat? Weil sie, was sie nicht wissen, von denen gelernt haben, die nicht schreiben können. Man kann getrost jede Wette eingehen, daß die gefeiertsten Romanschriftsteller den Unterschied nicht wahrnehmen und nicht etwa dort, wo sie die Leute reden lassen, »wieso« diesen der Schnabel gewachsen ist; sondern daß sie schon ganz von selbst nicht wissen, wie man schreibt. Die meisten von ihnen haben's von jeher nicht gewußt, und die übrigen haben »daran« vergessen.

Karl Kraus

(Zur Sprachlehre. In Die Fackel 1921, S. 61)

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