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Donnerstag, 28. Juni 2012

Wenn auch etwas verspätet: Ein Vorwort zu diesem Blog


Ein Dichter … ist jemand, der das sieht und übt, wovon andere nur träumen, der die ganze Skala der Erfahrungen durchmacht und den Menschen repräsentiert vermöge seiner unendlichen Kraft, zu empfangen und mitzuteilen.

Schließlich muss unser aller Roman fortgesetzt werden. Und selbst wenn eines Tages nicht mehr geschrieben und gedruckt werden wird oder darf, wenn Bücher als Überlebensmittel nicht mehr zu haben sind, wird es Erzähler geben, die uns von Mund zu Ohr beatmen, indem sie die alten Geschichten aufs neue zu Fäden spinnen: laut und leise, hechelnd und verzögert, manchmal dem Lachen, manchmal dem Weinen nahe. (Günter Grass in seiner Nobelvorlesung 1999)
Seit die erste Höhlenbewohnerin ihren vom Sammeln erschöpften Schwestern abends vor dem Herdfeuer eine Geschichte erzählte und die müden Jäger zu dösen aufhörten und näher rückten, seit der erste Gast diese Geschichte an seinem Herdfeuer weiter erzählte und neue Geschichten spann, lauschen Menschen den Erzählungen anderer Menschen. Sie lauschen Erzählern, deren Namen mythischen Klang haben wie Homer, und lesen gebannt Erzählungen wie das Gilgamesch-Epos – das erste literarische Werk überhaupt –, das vor viertausend Jahren sumerische Priester mit Schilfrohr in feuchte Tontafeln ritzten, und Erzählungen, die weitere viertausend Jahre gelesen werden wie die Bibel oder die Veden.

Doch das Erzählen begann schon früher: als der erste Crô-Magnon-Mensch Mammuts, Bisons und Pferde an die Wände seiner Höhle malte.

Seither erleben Menschen das Gehörte oder Gelesene in ihrer Phantasie, leiden und freuen sich mit den Helden und Heldinnen, gehen mit ihnen auf die Jagd, ziehen mit ihnen in den Krieg, entdecken ferne Länder, leben in fremden Kulturen, siegen, verlieren, lieben, hassen, weinen und lachen. Und seither betteln Kinder vorm Schlafengehen: Mama, erzähl mir eine Geschichte. Und Mütter auf der ganzen Welt erzählen.

Worte sind stärker als Bilder

Bis zur Erfindung der bewegten Bilder waren die Menschen auf das Wort angewiesen. Wenn jemand von einer weiten Reise heimkehrte, musste er von all dem Neuen erzählen, das er gesehen, gehört, gerochen, gefühlt und geschmeckt hatte, damit sich die Menschen die fremden Völker und Gegenden vorstellen konnten. Und der Reisende wählte die Worte so, dass seine Zuhörer die Landschaften und deren Bewohner vor sich sahen, als wären sie mit ihm gereist.

Heute liefern die Medien fertige Bilder und nehmen dem Betrachter die Mühe ab, sich etwas vorzustellen. Und doch möchten die Menschen, dass erzählt wird. Es ist aufregender, Gehörtes in der Phantasie nachzuerleben, als vorgefertigte, gar manipulierte Bilder zu betrachten. Man nimmt Bilder zwar stärker wahr als Wörter, doch wenn die Worte richtig gewählt werden, sind sie stärker als Bilder.

Aber warum gähnen die Zuhörer bei dem einen Erzähler und denken an das überzogene Konto und vergessen bei dem anderen Zeit und Raum, auch wenn beide über dasselbe Ereignis berichten? Das liegt daran, wie der Erzähler seine Geschichte aufbaut, ob seine Figuren leben und ob die Handlung den Alltag vergessen lässt – ob Bilder entstehen. Um den Unterschied zu erkennen und daraus zu lernen, müssen deshalb bei den meisten Schreibwerkstätten die Teilnehmer zu einem vorgegebenen Thema einen Text verfassen.

Doch wie müssen Geschichten aufgebaut sein, damit der Leser gefesselt wird? Welche Wörter regen seine Phantasie an? Mit welchen Worten lässt man Bilder vor seinen Augen entstehen – damit er sich selbst sein Bild macht – und weckt so in ihm Gefühle? Wie erschafft man atmende Figuren? Und: Wie gehen andere Schriftsteller mit dem Schreiben um – wie arbeiten sie, wie verarbeiten sie Rückschläge, Schreibblockaden? Und: Kann man das Schreiben überhaupt lernen? Die Antworten gibt es in diesem Blog.

Ein Rezept für eine perfekte Geschichte gibt es nicht 

Was das Blog aber nicht bieten kann, ist ein Rezept, das zu einer perfekten Geschichte führt, so nach dem Motto: Man nehme ein funkelndes Gefäß, fülle es mit einem halben Liter Handlung und einem viertel Liter Spannung, füge fünf Figuren, zwei Orte und drei Krisen hinzu, würze mit einem kräftigen Schuss Liebe, einer Prise Erotik, einer Unze Kummer und einer Messerspitze Glück. Dann vervollkommne man das Ganze mit Humor und spritzigen Dialogen, finde einen zugkräftigen Titel, mixe es so, dass der erste Schluck den Leser zum Weiterlesen verlockt und der letzte Schluck den Wunsch nach weiteren Genüssen weckt – dass ihn die Mischung berauscht. Und der Rubel wird rollen.

Ein Rezept kann bis in jede Einzelheit vorgegeben werden, doch letztlich hängt der Genuss ab von der Frische der Zutaten, von der Kunst des Mixers – von der Art, wie er die Zutaten mischt –, und dem, was das Rezept nicht vorgeben kann, das, was die Mixtur erst zusammenfügt: der Sprache. Sonst könnte jeder schreiben, der ein Schreibgerät besitzt.

Dieses Blog soll helfen, den Sinn für Literatur und das Gefühl für Sprache zu schärfen, die schöpferischen Fähigkeiten und den eigenen Stil – die eigene Stimme und Handschrift – zu entwickeln. Die Stimme drückt sich aus in ihrem einzigartigen Klang und Rhythmus und den Bildern, die der Autor findet: Dessen eigene Art zu erzählen. Das Blog soll die Kunst des Schreibens vermitteln und die Freude am Ausdenken von Geschichten und auch am Lernen wecken.

Stöbern Sie nach Lust und Laune oder auch systematisch, und wenn etwas fehlt, dann schreiben Sie mir. Ich stelle gern weitere Posts zu Themen, die Sie interessieren, ein.

Schreiben bedeutet, mit sechsundzwanzig langweiligen Buchstaben eine Welt im Leser entstehen zu lassen.

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