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Donnerstag, 7. Juni 2012

Über die Richtigstellung der Begriffe (zheng ming 正名; auch Richtigstellung der Namen; Richtigstellung der Bezeichnungen)


(Dieser Post bezieht sich aktuell auf die Bezeichnung „Grundlagenforschung“ im Interview des NDR mit der Schufa-Sprecherin Dr. Kasper anlässlich des geplanten Ausspionierens von jedermann auf Facebook/Twitter/Xing und so weiter. OT: Das Thema ist natürlich ein gefundenes Fressen für Blogger, und so gibt mittlerweile auch die „10 Statusmeldungen für ein SCHUFA-optimiertes Facebook-Profil“ http://www.sheng-fui.de/aktuell/10-statusmeldungen-fuer-ein-schufa-optimiertes-facebook-profil/ und „Neulich bei der SCHUFA“ http://quadratmeter.wordpress.com/2012/06/07/neulich-bei-der-schufa/, wobei ich mich dann immer neidisch frage, warum mir nicht so etwas Geistreiches einfällt … Bei der Gelegenheit habe ich auch gelernt, was ein Lolcat ist)

III: Richtigstellung der Begriffe

Dsï Lu sprach: »Der Fürst von Wei wartet auf den Meister, um die Regierung auszuüben. Was würde der Meister zuerst in Angriff nehmen?«
Der Meister sprach: »Sicherlich die Richtigstellung der Begriffe.«
Dsï Lu sprach: »Darum sollte es sich handeln? Da hat der Meister weit gefehlt! Warum denn deren Richtigstellung?«
Der Meister sprach: »Wie roh du bist, Yu! Der Edle läßt das, was er nicht versteht, sozusagen beiseite. Wenn die Begriffe nicht richtig sind, so stimmen die Worte nicht; stimmen die Worte nicht, so kommen die Werke nicht zustande; kommen die Werke nicht zustande, so gedeiht Moral und Kunst nicht; gedeiht Moral und Kunst nicht, so treffen die Strafen nicht; treffen die Strafen nicht, so weiß das Volk nicht, wohin Hand und Fuß setzen. Darum sorge der Edle, daß er seine Begriffe unter allen Umständen zu Worte bringen kann und seine Worte unter allen Umständen zu Taten machen kann. Der Edle duldet nicht, daß in seinen Worten irgend etwas in Unordnung ist. Das ist es, worauf alles ankommt.«

Konfuzius

(In Kungfutse:  Lun Yu  Gespräche, Buch 13.3 http://tinyurl.com/9clnhj4)

Tsze-lu said, "The ruler of Wei has been waiting for you, in order with you to administer the government. What will you consider the first thing to be done?"
The Master replied, "What is necessary is to rectify names."
"So! indeed!" said Tsze-lu. "You are wide of the mark! Why must there be such rectification?"
The Master said, "How uncultivated you are, Yu! A superior man, in regard to what he does not know, shows a cautious reserve.
If names be not correct, language is not in accordance with the truth of things. If language be not in accordance with the truth of things, affairs cannot be carried on to success.
When affairs cannot be carried on to success, proprieties and music do not flourish. When proprieties and music do not flourish, punishments will not be properly awarded. When punishments are not properly awarded, the people do not know how to move hand or foot.
Therefore a superior man considers it necessary that the names he uses may be spoken appropriately, and also that what he speaks may be carried out appropriately. What the superior man requires is just that in his words there may be nothing incorrect."

(In The Analects* of Confucius: Parallel English and Chinese, S. 85)

*論語 / 论语 lùn yǔ oder lún yǔ

Ähnlich heißt es im Kongzi shijia 孔子世家 [Erbhaus des Konfuzius]. der ersten zusammenhängenden Biografie des Konfuzius, aus demWerk Shiji (史記) des Sīmǎ Qiān 司馬遷 / 司马迁:

Damals gelang es dem Vater des Fürsten Zhe von Wei nicht, den Thron zu erringen und [er hielt sich] außerhalb des Landes auf. Zahlreiche Lehnsherren meinten, er habe abgedankt. Mehrere Schüler des Konfuzius waren Beamte in Wei. Der Fürst von Wei wünschte auch Konfuzius in der Regierung zu haben. Zilu sagte: „Der Herzog von Wei beruft Sie in die Regierung. Was werden Sie zuerst tun?“ Konfuzius sagte: „Man muss die Bezeichnungen richtigstellen.“ Zilu sagte: „Das soll es sein? Bewegt sich der Meister [nicht] auf Abwegen? Warum sollte man [die Bezeichnungen] richtigstellen?“ Konfuzius sagte: „Wie unkultiviert du bist You, denn wenn die Bezeichnungen nicht richtig sind, dann werden die Worte nicht befolgt. Werden die Worte nicht befolgt, dann werden die Dienste nicht erledigt. Werden die Dienste nicht erledigt, dann gedeihen Riten und Musik  nicht. Wenn Riten und Musik nicht gedeihen, dann treffen die Strafen nicht zu. Treffen die Strafen nicht zu, dann weiß das Volk nicht, wohin es Hand und Fuß setzen soll. Darum, was der Edle tut, das muss bezeichnet werden können, und was er sagt, das muss in die Praxis umgesetzt werden können. Der Edle ist in seinen Worten niemals nachlässig.“

(Zitiert nach Christiane Haupt: Und der Meister sprach … (Dort findet sich auch der chinesische Originaltext) http://edoc.ub.uni-muenchen.de/10363/1/Haupt_Christiane.pdf

Und im 8. Kapitel des Chunqiu: Frühling und Herbst des Lü Bu We heißt es

Richtigstellung der Begriffe / Dschong Ming

Wenn die Begriffe richtig sind, herrscht Ordnung, wenn die Begriffe versagen, herrscht Verwirrung. Daß die Begriffe versagen, ist aber die Schuld der Schwätzer. Die Schwätzer nennen das Unmögliche möglich, das Nichtwirkliche wirklich, das Unrichtige richtig, das was nicht falsch ist, falsch. Dagegen sind die Reden des Edlen geeignet, was wirklich an einem Menschen tüchtig ist, was tatsächlich an einem Menschen untauglich ist, zu bezeichnen und das deutlich zu machen, wodurch Ordnung hochkommt und wodurch Verwirrung entsteht, zu zeigen die Verhältnisse der Dinge, und worauf das Leben der Menschen beruht.

Wo immer Verwirrung herrscht, da sind die Strafen und die Bezeichnungen nicht treffend. Ein Fürst, auch wenn er untauglich ist, scheint doch immer Weise anzustellen, Gute zu hören und das Richtige zu tun. Das Übel ist nur, daß das, was er als tüchtig bezeichnet, darauf hinausläuft, daß es die Befolgung des Untüchtigen bewirkt, das was er als gut bezeichnet, darauf hinausläuft, daß es die Befolgung des Unrechts bewirkt, das was er als richtig bezeichnet, darauf hin ausläuft, daß es die Befolgung von Verkehrtheiten bewirkt. Auf diese Weise haben sich Strafen und Bezeichnungen von der Wahrheit entfernt und der Laut bezeichnet etwas anderes, als das durch ihn vertretene Ding. Tüchtig ist soviel wie untüchtig, gut ist soviel wie unrecht, richtig ist soviel wie verkehrt. Wenn dann der Staat nicht in Verwirrung, die eigne Person nicht in Gefahr gerät, worauf will man dann noch warten!

In Lü Bu Wei: Chunqiu: Frühling und Herbst des Lü Bu We, Buch XVI / Siän Schï Lan,  S. 538)

Oder kurz und knapp und als Zitat weit verbreitet:
Wenn die Worte nicht stimmen, dann ist das Gesagte nicht das Gemeinte. Wenn das, was gesagt wird, nicht stimmt, dann stimmen die Werke nicht. Gedeihen die Werke nicht, so verderben Sitten und Künste. Darum achte man darauf, dass die Worte stimmen. Das ist das Wichtigste von allem. (oider auch "Wenn die Sprache nicht stimmt …"

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