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Dienstag, 6. Dezember 2011

„Sprachlese - Warum man zu wenig schreiben sollte“

Ich werde heute mal etwas tun, was ich hier immer vermieden habe: Einfach den Anfang eines Zeitungsartikels  unkommentiert einstellen, weil er mir aus der Seele spricht, in diesem Fall der Beitrag "Sprachlese - Warum man zu wenig schreiben sollte" in NZZ Folio 01/95 von Wolf Schneider, und Sie bitten, ihn hier weiterzulesen:

„Schreiben kann man natürlich so: ‘Mehr und mehr von heftiger Rührung ergriffen, konnte Heinrich die Worte nur mit Anstrengung herausstossen. Die Tränen strömten über seine Wangen, und als ihm die Stimme unter Schluchzen versagte, stand er stumm vor den im Innersten ergriffenen Eltern. Bestürzt und erschüttert blickten sie auf diesen Sohn, der nun der Verzweiflung nahe war.’

So kann man schreiben, aber man sollte es nicht - nicht also wie in diesem Beispiel aus ‘Engelhorns Roman-Bibliothek’ von 1905. Ein Schriftsteller darf von zehn beabsichtigten Wörtern nur eines schreiben und nicht elf, hat Ludwig Thoma gefordert - und hier wimmelt es von elften Wörtern: zu den Tränen auch noch das Schluchzen, stumm mit versagender Stimme und bei alldem der Verzweiflung nah, und wo waren die bestürzten Eltern ergriffen? Im Innersten. Ungebremste Geschwätzigkeit oder Zeilenschinderei? Egal - wer Leser fesseln, wer gar Literatur produzieren will, der ist zum Gegenteil aufgerufen; nach dem Satz Voltaires: ‘Die Kunst, langweilig zu sein, besteht darin, alles zu sagen.’“

Allerdings möchte ich den Satz Voltaires (1694–1778) korrigieren. Genau schreibt er in Sur la nature de l'homme „Le secret d'ennuyer est celui de tout dire“ (Das Geheimnis zu langweilen besteht darin, alles sagen).*

Und das erinnert mich an Immanuel Kants (1724–1804) Worte in seinem Handschriftlichen Nachlass:  „es gehört Mäßigung und urtheilskraft dazu, nicht alles zu sagen, was man gutes weis, und seyn Werk nicht mit all seinen Einfällen zu überladen, damit die Hauptabsicht nicht darunter leide.“ (Eine Quelle kann ich nicht nennen, weil das aus einer Abschrift stammt, die ich erstellt hatte, die aber noch nicht online ist.)

Ob beide das gleiche gedacht haben oder ob einer des anderen Worte kannte? Vermutlich ersteres.

* Nachtrag: Die Quelle fehlte, und das geht natürlich nicht. Sie lautet: In Oeuvres completes de Voltaire, avec des notes, Bd. 12. Furne 1835, S. 489.

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