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Donnerstag, 3. November 2011

Lichtenberg übers Schreiben

Es soll Menschen gegeben haben, die,  wenn sie einen Gedanken niederschrieben, auch sogleich die beste Form dafür getroffen haben sollen. Ich glaube wenig davon. Es bleibt allemal die Frage, ob der Ausdruck nicht besser geworden wäre, wenn sie den Gedanken mehr gewandt hätten; ob nicht kürzere Wendungen möglich gewesen wären; ob nicht manches Wort hätte wegbleiben können und dergl. – Gleich auf den ersten Wurf so zu schreiben, wie z. B. Tacitus, liegt nicht in der menschlichen Natur. Um einen Gedanken recht rein darzustellen, dazu gehört viel Abwaschen und Absüßen, so wie einen Körper rein darzustellen. (…) Wenigstens wird es kaum möglich seyn, gleich das erstemal so zu schreiben, daß man eine Schrift öfters wieder liest und immer mit neuem Vergnügen. (…) Auch verliert sich bey öfterm Hin- und Herwenden des Gedankens der Kitzel zu glänzen, und man streicht weg, was bloß des Glanzes wegen dasteht.

Georg Christoph Lichtenberg

(In Georg Christoph Lichtenberg’s vermischte Schriften Bd. 2. Dieterichsche Buchhandlung 1801, S. 334f.)

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