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Dienstag, 10. November 2009

Brief an Herrn Johann Wolfgang v. G.*


Hochwohlgeborner Herr, Gnädiger Herr, Höchstzuverehrender Gönner!

Erlaubet meiner Wenigkeit, dass ich Eure so kostbare Zeit in Anspruch nehme. Ach, wer bin ich denn, dass ich mich wegen einer solchen Lappalie an Euch wende. Aber wie sprachet Ihr doch dereinsten so schön, so wunderbar, geradezu genial: »Das, was Man schwarz auf weiss besitzt, kann Man getrost nach Hause tragen.« Nun befürchtet nur meine Wenigkeit, dass Ihr diese meine Epistel in die nächste Ecke feuern werdet, anstatt sie mitzunehmen in Euer trautes Heim – mag sie Euch doch gleichsam als zu minderwertig erscheinen.

Aber auch ich habe Schreiberey und auch Poesie durchaus studiert mit heissem Bemühen. Und stehe nun da, ich armer Thor, und bin so klug als wie zuvor. Was nahm ich mir ein Beispiel an Euerm Heideröslein! Mit welcher Inbrunst lernte ich das Verslein »Gefunden« Da wanderte ich dereinsten mit meinem guten Väterlein entlang des Rennsteiges im Thüringschen und vernahm von allen Gipfeln her Eure hehren Worte: »Über allen Gipfeln ist Ruh«. Da lernte ich den Faust, des teutschen Bildungsbürgers höchstes Guth, gleichsam auswendig und fühlte in jedem Kleide der Erden Pein, wenn mir die Worte, Eure göttlichen Worte, mit Verlaub zu sagen, doch nicht gar so leicht in meinem armseeligen Hirne haften bleiben sollten. Aber ach, bin ich nicht auch zu alt, um nur zu spielen und zu jung, um ohne Wunsch zu sein? Dem heissen, innigen Wunsche, Euch nur ein bisschen, ein ganz kleines bisschen mit meinem geringen Gaben nacheifern zu wollen? Oh, welch vermessener, schlechterdings unanständiger Wunsch!

Für ein kleines Brieflein mit Rathschlägen über Styl, über gutes Teutsch, über Versmass, über Aufbau: Einleitung, Ausführung, Schluss, danket Euch bereits jetzt in allergnädigster Demuth und Ehrerbietung
Ew. Gnaden
gehorsamste Dienerin
Jutta Miller-Waldner

*Für die Suchmaschinen: gemeint ist natürlich Johann Wolfgang von Goethe

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