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Mittwoch, 12. November 2008

Was sind Geschichten, Gedichte – was ist Literatur? I


Man sollte eigentlich nur das ein Buch nennen, was etwas Neues enthüllt. (LICHTENBERG)

Was eigentlich den Schriftsteller für den Menschen ausmacht, ist, beständig zu sagen,
was der größte Teil der Menschen denkt oder fühlt, ohne es zu wissen.
Der mittelmäßige Schriftsteller sagt nur, was jeder würde gesagt haben. (LICHTENBERG)

Manche Fiktion ist Literatur, andere nicht; teilweise ist die Literatur fiktional, teilweise nicht; manche Literatur nimmt sprachlich auf sich selbst Bezug, während andererseits manch höchstverschlungene Rhetorik keine Literatur ist. Literatur im Sinne einer Liste von Werken mit gesichertem und unveränderlichem Wert, die sich durch gemeinsame inhärente Merkmale auszeichnen, gibt es nicht. Wann immer ich von jetzt an die Wörter »literarisch« und »Literatur« … verwenden werde, habe ich sie gleichzeitig stets mit unsichtbarer Tinte durchgestrichen, um anzuzeigen, dass diese Termini nicht wirklich ausreichen, wir im Augenblick aber keine besseren zur Verfügung haben. (Terry EAGLETON, Einführung in die Literaturtheorie)
Sicher haben Sie sich schon gefragt: Ist das, was ich schreibe, Literatur? Was ist überhaupt Literatur? Woran erkenne ich sie? Gibt es einen Gradmesser für literarische Qualität?

Zunächst einmal: Das Wort Literatur kommt von lat. litteratura: Schrift, Sprachkunst, Sprachwissenschaft, Sprachunterricht. So gesehen sind SHAKESPEARES Sonette ebenso wie die Bedienungsanleitung eines Videorecorders, der Liebesbrief ebenso wie der Gesetzestext, Literatur. Zur Unterscheidung gelten im Deutschen die Bezeichnungen literarischer oder fiktionaler Text für die »schöne« Literatur und Gebrauchstext für die übrigen Texte.

Ich verwende hier den Begriff literarischer Text, und werde ihn wie Eagleton unsichtbar durchstreichen. Denn: Eine verbindliche Definition von Literatur (im Sinne von Dichtung) ist laut Ansicht heutiger Literaturwissenschaftler nicht möglich, da sie von den historischen und theoretischen Zusammenhängen abhängt, in die jeder Text eingebettet ist und durch die er sich ständig wandelt. Bis vor fünfzig Jahren galt die Definition: Literatur ist ein Schriftstück, das der Autor nach ästhetischen Regeln schreibt, die man in einer Poetik (= Lehre von der Dichtkunst) findet. Aber vermutlich werden sich die Literaturwissenschaftler noch lange darüber streiten, was Literatur eigentlich ist.

Und doch gibt es Gradmesser für literarische Qualität – Poetiken sind durchaus nicht altmodisch. Den ersten einflussreichen Versuch einer Definition von Literatur nimmt ARISTOTELES in seiner Poetik durch das Merkmal der »Fiktionalität« vor:
Denn der Geschichtsschreiber und der Dichter unterscheiden sich nicht dadurch voneinander, daß sich der eine in Versen und der andere in Prosa mitteilt, man könnte ja auch das Werk Herodots in Verse kleiden, und es wäre in Versen um nichts weniger ein Geschichtswerk als ohne Verse; sie unterscheiden sich vielmehr dadurch, daß der eine das wirklich Geschehene mitteilt, der andere, was geschehen könnte. (kursiv jmw)
Aristoteles ist da großzügiger als PLATON, der meint, dass alle Dichter lügen. Aber Fiktionalität ist nicht dasselbe wie Lüge. Sie ist nicht an die reale Welt gebunden. Für COLERIDGE ist »suspension of disbelief« ein Merkmal von Literatur. Damit bezeichnet er den »Pakt« zwischen Autor und Leser, den Anspruch auf Authentizität von literarischen Texten aufzuheben. Erst das mache die Rezeption eines Kunstwerks möglich. Suspension of disbelief bedeutet die Aufhebung jeglichen Zweifels am Gelesenen, die perfekte Illusion. Anders ausgedrückt: Der Leser soll sich von der Geschichte mitreißen lassen und nicht schon bei der Lektüre sagen: Das ist doch bloß alles erfunden!

Für Albrecht SCHÖNE ist Literatur das »Menschheitsgedächtnis der Wörter und Sätze, Schriftwerke und Dichtungen«. Und Christoph PARRY schreibt, dass man Literatur auch »das artikulierte Bewusstsein einer Gemeinschaft nennen (kann), weil es die Interessen und Werte dieser Gemeinschaft reflektiert. Die Literatur ist besonders wichtig als Ausdruck von Sprachgemeinschaft, weil in ihr die Sprache besonders gepflegt wird.«

Ursprünglich konnte Literatur im Sinne von »alles Geschriebene« sogar Leben retten: Vom vierzehnten Jahrhundert an entschied sie in England darüber, ob ein Verbrecher zum Tode verurteilt wurde. Konnte er einen lateinischen Psalmvers lesen, galt er als Kirchenmann und wurde einem kirchlichen Gerichtshof über¬stellt. Konnte er die Buchstaben nicht entziffern, galt er als gemeiner Krimineller und landete am Galgen. Zur Zeit ELISABETH I. konnte etwa ein Drittel der Delinquenten so ihren Kopf retten. Erst zu Beginn des achtzehnten Jahrhunderts wurde diese Prüfung abgeschafft, da inzwischen die meisten Menschen lesen und schreiben konnten. Diese Kompetenz wurde mit literacy* bezeichnet

Ob das, was Sie schreiben, Literatur ist, oder genauer: ob der Leser Ihre Texte als Kunst wahrnimmt, erfahren Sie bei Lesungen oder Rezensionen oder daran, ob Sie gedruckt werden, ob Sie Auszeichnungen erhalten, vor allem aber durch die Schulung Ihres Gespürs für gute Texte durch bewusstes Lesen nicht nur von Werken der Weltliteratur.

*Heute umfasst der Begriff zusätzlich Textverständnis und Sinnverstehen, sprachliche Abstraktionsfähigkeit, Lesefreude, Vertrautheit mit mit der Schriftsprache und/oder mit literarischer Sprache sowie Büchern.

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