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Dienstag, 26. Juni 2007

Übers Briefeschreiben

Ein junger Mensch, der, wenn er Briefe schrieb,
Die Sachen kunstreich übertrieb
Und wenig gern mit stolzen Formeln sagte,
Las einem klugen Mann ein Trauerschreiben vor,
Darin er einen Freund beklagte,
Der seine Frau durch frühen Tod verlor,
Und ihm mit vielem Schulwitz sagte,
Daß nichts gewisser wär, als daß er ihn beklagte.
„Ihr Brief“, fiel ihm der Kenner ein,
„Scheint mir zu schwer und zu studiert zu sein.
Was haben Sie denn sagen wollen?“
„Daß mich der Fall des guten Freunds betrübt,
Daß er ein Weib verlor, die er mit Recht geliebt,
Und meinem Wunsche nach stets hätte haben sollen;
Daß ich, von Lieb und Mitleid voll,
Nicht weiß, wie ich ihn trösten soll.
Dies ungefähr, dies hab ich sagen wollen.“
„Mein Herr“, fiel ihm der Kenner wieder ein,
„Warum sind Sie sich denn durch Ihre Kunst zuwider?
O schreiben Sie doch nur, was Sie mir sagten, nieder:
So wird Ihr Brief natürlich sein.“

Christian Fürchtegott Gellert
in seiner Praktischen Abhandlung von dem guten Geschmacke in Briefen

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